Wo sich Staub zu Licht verwandelt

Das Jerusalem Friedensmal im Geopark Bergstraße-Odenwald in Bensheim.

 

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Das Jerusalem Friedensmal wird in diesem Jahr fertig gestellt. Es befindet sich am Europäischen Fernwanderweg Nr. 8 im Geopark Bergstraße-Odenwald nahe der Stadt Mannheim. Die Entwicklungs- und Bauzeit beträgt inzwischen mehr als 16 Jahre. Die Kunstinstallation auf 3200 qm mit dem Friedensmal von 26 m Breite war vom Künstler Thomas Zieringer entworfen worden. Bereits im Jahr 2001 hatte dieser mit einigen Mitstreitern den Verein Friedensmal Wendepunkt gegründet, der juristisch und finanziell für das Projekt verantwortlich ist. Der Verein ist inzwischen Mitglied bei der DIG. Die ungewöhnliche Privatinitiative hatte seit seiner Entstehung in der Region polarisiert, aber auch zugleich international ein positives Echo gefunden.


Die Idee für dieses „Friedensmal für Deutschland“ war Im Jahr 1998 entstanden. Im Rahmen der Holocaust-Mahnmal-Debatte war vom Künstler für Berlin ein Friedensmal geplant worden, dass zeigen sollte, was Verantwortung für die deutsche Vergangenheit überhaupt konkret bedeuten kann. Es sollte damit ein Zeichen aus der deutschen Gesellschaft sein, dass wirklich etwas  verstanden wurde. Es wäre ein Mahnmal bezogen auf den Holocaust gewesen und gleichzeitig als Friedensmal ein Zeichen eines echten verändernden Verstehens und Anerkennens gegenüber dem Judentum. Doch ohne gute Beziehungen in die Berliner Gesellschaft war die Vorstellung, ein ortsfremder Künstler könne dort ein Denkmal bauen, dann doch sehr naiv gewesen.

 

friedensmal2Schließlich wurde es in der Heimat des Künstlers, im südhessischen Bensheim von den Behörden genehmigt. Jetzt war es „nur“ noch ein Friedensmal für alle Menschen. Eine stiller Ort der Einkehr. Ein Ort zum pilgern sollte es werden, schön in der Natur an einem Wanderweg gelegen. Weder der Kontext der deutschen Vergangenheit war noch gegeben, noch ein vorrangig christlich-jüdischer Kontext. Es wurde ein passendes Grundstück im Ortsteil Hochstädten der südhessischen Stadt Bensheim an der Bergstraße gekauft.

 

Zwei Jahre später sprach sich bei interessierten Kreisen herum, dass unterhalb dieses Grundstückes, das für das Friedensmal gekauft wurde, ein ehemaliges KZ-Außenlager war, über dessen Existenz die vielen Jahre seit Kriegsende geschwiegen wurde. Es war reiner Zufall, dass dieses fürs Friedensmal bestimmte Grundstück dort gekauft wurde. Plötzlich war mit dieser Neuigkeit das Thema von Berlin zurück. Plötzlich wurde das Friedensmal politisch und alles wurde schwierig und problematisch. Der Kreis hatte sich geschlossen und in der Provinz sollte sich nun die Idee verwirklichen, die eigentlich für die Hauptstadt geplant war.

 

Mehrfach wäre dann das Projekt auf seinem 16-jährigen Weg beinahe gescheitert. Es gab viel Widerstand, aber eben auch engagierte Zustimmung. Eine Aktion für das Jerusalem Friedensmal schaffte es sogar mit der Aussage „The opposite of the Holocaust is in a sense the idea of Jerusalem“ auf die Titelseiten von international renommierten israelischen Zeitungen. Diese Aktion in Israel war als Hilfe für das Projekt zu Hause geplant. Doch danach wurde alles nur noch schwieriger in Deutschland. Statt einer Anerkennung und sich über die Offenheit in Israel zu freuen, hieß es zu Hause oft, die prominenten Plätze auf den Titelseiten israelischer Zeitungen wären ja nur bei den Juden gekauft worden. Bei den größeren Zeitungen wurde der Erfolg totgeschwiegen.

 

friedensmal4Es gab zu Hause bei der Entwicklung des Denkmals auch in immer stärkeren Maße Probleme mit Vandalismus und Antisemitismus. Das wurde leider im etablierten Bereich deutscher Vergangenheitsbewältigung kaum zu Kenntnis genommen. War das so, weil es schließlich „nur“ gegen ein Friedensmal ging, die Idee eines Andersdenkenden, eines Außenseiters? Oder war es schlicht mangelnder Mut bei einem schwierigen Thema, das ja auch schon besetzt war? Oder wurde einfach nur nicht ernst genommen, was als Idee „im eigenen Land“ entstand?

 

Vor Kurzem wurde bei Bauarbeiten ein voll beladener Anhänger, der mit weniger als 5 Mann gar nicht zu bewegen ist, den Berg hinuntergestoßen und der Sachschaden war groß. Die Polizei wollte keine Spuren aufnehmen. Die Pressearbeit war schwierig. Schon am Beginn des Projektes sagte ein Chefredakteur einer regionalen Zeitung zum Initiator „Sie werden keinen Erfolg haben. Ihre Idee ist zu anspruchsvoll für die deutsche Medienwelt.“ Immerhin verweigerten sich die regionalen Medien nicht einer Berichterstattung. Hier noch ein anderer Kommentar aus der deutschen Medienwelt die überregionalen Medien betreffend: „Wo ist der Skandal? Sind Sie berühmt?“

 

Doch auch die Arbeit mit den neuen Medien als Ausweg war schwierig. Als die Angriffe schließlich die Existenz des noch im Bau befindlichen Denkmals bedrohten wurde dieser Weg ausprobiert. Doch auf Facebook war eine Aktion für das Friedensmal in Deutschland unmöglich, weil sie dort wegen eines überhandgenommenen Antisemitismus abgebrochen werden musste. Dann wurde die Facebook-Aktion mit den gleichen Aussagen international in den USA und Israel durchgeführt, wo sie sehr erfolgreich war. Innerhalb von 2 Wochen konnten über 10.000 Menschen in Diskussionen einbezogen werden. Das brachte die Wendung und deshalb gibt es heute überhaupt ein Jerusalem Friedensmal.
Auf Grund der Hilfe, die sich in Israel fand, wurde der Name des Denkmals neu bestimmt. Aus dem „Friedensmal Wendepunkt“ wurde das „Jerusalem Friedensmal“. Der Name „Jerusalem“ soll ganz bewusst als ein Bekenntnis zu einer jüdischen Wurzel unserer Kultur verstanden werden. Es muss in Deutschland selbstverständlich werden, das so auszusagen. So ist zum Beispiel das zentrale Element des Jerusalem Friedensmals - die Symbolik vom Baum des Lebens  - aus dem Judentum über das Christentum in unsere deutsche Kultur gekommen.

 

friedensmal3Das Friedensmal ist ein Denkmal, das für das Leben steht und auch da passt das Bekenntnis zur jüdischen Wurzel, weil das Judentum vom Selbstverständnis her eine Religion des Lebens ist und auch die jüngere deutsche Geschichte daran nichts ändern kann. Ist es nicht so, dass wir nochmals eine andere und ganz eigene Betroffenheit über den Verlust empfinden würden, den die Nazi-Herrschaft für die deutsche Kultur bedeutete, wären wir uns tatsächlich darüber bewusst, wie viel uns in unserer Kultur mit dem Judentum verbindet?
„Yerushalayim“, hebräisch für Jerusalem, ist auf dem „ Jerusalem Erinnerungsstein“ neben dem Friedensmal zu lesen. Er erinnert an die Werte von Yerushalayim. Das ist nicht nur der Name der Stadt in Israel, sondern auch eine Metapher. Das „himmlische Jerusalem“ ist Ausdruck einer Friedenshoffnung. Es bezeichnet nicht die Welt, wie sie heute ist, sondern ist dem Menschen eine Ermutigung, darauf hin zu leben und das geht nur mit dem Herzen. So ist auch die ganze Denkmalgestaltung darauf hin ausgelegt, die Herzen der Menschen zu erreichen.

 

Der Anspruch des Friedensmals „Erinnern alleine reicht nicht“ macht darauf aufmerksam, dass zum Gedenken an eine dunkle Vergangenheit unbedingt auch die Zeichen der Hoffnung und neuen Lebens gehören, soll Erinnerung nicht zum Selbstzweck werden. Es geht also nicht um eine Entscheidung „Mahnmal einer etablierten Gedenkkultur“ oder „Friedensmal als neue Idee“, sondern um ein Verständnis, dass sich beides in einer Gesamtheit so ergänzt, dass es zusammen dann schließlich Herz und Verstand erreicht. Es soll eben auch keinen „Schlussstrich“ in den Herzen der Menschen geben, weil sie als Schuldgefühl missverstehen, was eigentlich eine positive Verantwortung für das Leben heute meint.

 

friedensmal5Die Signale aus der deutschen Gesellschaft sind inzwischen sehr viel freundlicher geworden. Zuletzt war Frau Buber Agassi, die Enkeltochter von Martin Buber und israelische Staatsbürgerin, dem Verein Friedensmal Wendepunkt als 40. Mitglied beigetreten. Frau Prof. Buber Agassi arbeitete als Soziologin unter anderem an Universitäten wie Standford und Harvard. Soziologie ist das Fachgebiet, in dem man sich mit der Art von Arbeit wissenschaftlich beschäftigt, die im Friedensmal geschieht. Sie ist Autorin eines Buches über das KZ-Ravensbrück. Sie wurde in Heppenheim an der Bergstraße in gerade der Gegend geboren, in der nun auch das Friedensmal entstanden ist und wo Martin Buber einst lebte, bis er vor den Nazis fliehen musste. Er ging nach Jerusalem.

 

Das Jerusalem Friedensmal ist kein „Jüdisches Denkmal“. Es wäre sogar eine Grenzüberschreitung von deutscher Seite aus, wollte ein religiös offener deutscher Verein ein „Jüdisches Denkmal“ bauen. Es ist vielmehr der Versuch eine verständnisvolle Geste aus der deutschen Gesellschaft heraus zu formulieren, d. h. eben wirklich Begegnung verstehen zu wollen und sich darauf einzulassen. Wie geht aber dann die deutsche Gesellschaft mit dem ihr Eigenen, das in Bewegung geriet, um?

 

Es bräuchte Freundlichkeit und Behutsamkeit. Und es bräuchte den Mut, sich miteinander die Fehler auf dem Weg zu erlauben. Denn sonst kann nichts gelernt werden und es bildet sich auch kein Verständnis. Man kann nicht generell einen fehlenden Mut in der Gesellschaft kritisieren und zur Zivilcourage aufrufen und dann keine Toleranz gegenüber den Fehlern haben, die gerade passieren, wenn sich jemand oder etwas bewegt.
Unter dem „Jerusalem Erinnerungsstein“ neben dem Friedensmal ist die Inschrift „Wo sich Staub zu Licht wandelt“ zu lesen. Der Satz stammt aus einem Gedicht der jüdischen Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs. Sie hatte die Shoa überlebt und formulierte danach in ihrem Gedicht „Chor der verlassenen Dinge“ so: „Ihr Zuschauenden, die ihr keine Mörderhand erhobt, aber die ihr den Staub nicht von eurer Sehnsucht schütteltet, die ihr stehenbliebt, dort, wo er zu Licht verwandelt wird.“ Eigentlich findet sich in diesen Sätzen, die wenige Jahre nach der Shoa geschrieben wurden, auch schon die ganze Geschichte dieses Friedensmals in Deutschland

 

(Thomas Zieringer)
 

Weitere Informationen und Bilder über das Jerusalem Friedensmal finden Sie unter  http://www.friedensmal.de

 

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